Europa

Mit dem Hausboot durch England – meine Erfahrungen5 Minuten Lesezeit

Slow Travel ist doch zur Zeit DAS Thema. „Slower“ als mit dem Hausboot kann man kaum unterwegs sein. Wir sind in England schon über so einige Kanäle geschippert und wir fanden es am schönsten, wenn uns die Reise jedes Mal wieder vor Herausforderungen gestellt hat. In unserem Fall hieß das, je mehr Schleusen desto besser ;-).

In Frankreich kann man ja auch mit dem Hausboot durch die Gegend schippern. Dort sind aber die Kanäle und Flüsse sehr viel breiter und man bedient die Schleusen auch nicht selbst. Die Boote sind meistens weiß und auch nicht unkaputtbar. Ganz anders in England. Die Engländer lieben ihre Narrowboats. Das sind alte Lastenkähne, die liebevoll um- und ausgebaut werden. Für viele Engländer ist das Boot quasi das Pendant zur Ferienwohnung.

Die englischen Hausboote – Narrowboats

An dem Namen könnt Ihr schon erkennen, dass die Boote schmal sind. Sehr schmal…gerade mal ca. 1,50 breit. Und dafür sind sie dann lang. Wirklich lang. Wir sind meistens zu fünft oder sechst unterwegs gewesen und hatten dann ein Boot für 8 Leute. Sonst wird’s eng und man bekommt den Lagerkoller. Das sind dann drei Doppelbetten hintereinander; vorne noch Salon und Küche. Dazu zwei „Bäder“, eins mit Dusche. Ganz hinten steht dann der Steuermann an der Pinne. Kein Steuerrad und auch kein überdachter Steuerstand. Heißt bei Wind und Wetter draußen. Und wir hatten auch schon alles: Dauerregen, Schnee, Hagel und auch ganz viel Sonne und Hitze. Es ist alles möglich in England.

Schmale und zugewachsene Kanäle

Die Kanäle sind ganz schmal. An manchen Stellen passt manchmal nur ein Boot durch. Da muss man sich dann absprechen. In der Regel sind die Boat-People auch echt nette Menschen. Natürlich gibt es immer mal Ausnahmen, aber jeder hat mal einen schlechten Tag. Spektakulär sind die ellenlangen Tunnel. Wirklich herausfordernd sind sie, wenn nur Platz für ein Boot ist. Dann gibt’s eigentlich immer ein Hinweisschild am Eingang. Darauf sollte man auch achten, weil meistens drauf steht, in welche Richtung man zu welcher Zeit durchfahren darf. Achtet man nicht drauf (weil man das Schild übersehen hat oder gar nicht wußte, dass man drauf schauen sollte), dann darf man im Zweifel das ganze Stück rückwärts wieder zurück fahren.

Die Kanäle sind nicht immer so zugewachsen. Aber breiter sind sie selten.

Gerade im Tunnel ist es von Vorteil, mit mehreren Leuten unterwegs zu sein. Vergesst nicht, Taschenlampen mitzunehmen. Auch wenn sich Euch der Sinn gerade nicht erschließt; im Tunnel braucht Ihr die Taschenlampen. Ihr müsst den Tunnel quasi ausleuchten, damit der Skipper sieht, wohin er fährt. Regenschirme oder Regenjacken sind auch ganz praktisch. Ab und an tropft es schon mal von oben.

Mit dem Hausboot durch die Schleusen

Es gibt so einige Highlights, die das Bootfahren in England spannend machen. Eines meiner Highlights sind definitiv die Schleusen. Auf unserer letzten Tour hatten wir über 100 davon. Als Beginner würde ich vielleicht nicht direkt mit 90 Schleusen anfangen. Die sind nämlich harte Arbeit. Machen aber Spaß. Ich erkläre Euch mal kurz, wie das geht mit den Schleusen. Also, im besten Fall ist das Tor schon auf. Man sollte es eigentlich, nachdem man die Schleuse verlassen hat, wieder schließen, aber wenn das nächste Boot schon in Sichtweite ist, wäre das echt fies. Wenn also offen, dann einfach reinfahren. Am besten vorne kurz gegenrumpeln und dann wird hinten das Tor wieder geschlossen. Schön darauf achten, dass Ihr vorne ein bißchen weg seid vom Tor, damit Ihr nicht aufsetzt.

Sinn und Zweck der Schleuse ist ja, dass Ihr den Höhenunterschied überwinden müsst. Wenn Ihr oben reinfahrt und – zwangsläufig – runter wollt, müsst Ihr vorne an den Schleusentoren an den Paddles aufkurbeln, damit das Wasser aus der Kammer rausfließt. Es macht immer Sinn, wenn zwei Leute die Schleusen bedienen, weil links und rechts gekurbelt werden muss. Je mehr Wasser rausgeflossen ist, desto einfacher lassen sich dann die Tore öffnen. Während der Skipper dann das Boot aus der Schleuse steuert, lasst Ihr die Paddles wieder runter und – je nachdem – schließt die Schleusentore.

Die Kurbeln, die Ihr dafür braucht, findet Ihr an Bord. Und wenn Euch mal eine verloren geht, müsst Ihr nicht hinterher springen. Bei uns war immer eine Reserve-Kurbel da. Die Kanäle sind zwar nicht tief, aber ich wage zu bezweifeln, dass sie wirklich sauber sind. Zum Baden laden sie nicht unbedingt ein.

Da geht’s runter

Hoch geht’s genauso: Ihr fahrt unten rein, schließt das Tor, geht nach vorne zu den Paddles, kurbelt wieder kräftig, öffnet die Tore, Boot fährt raus, Paddels wieder runter und Tor wieder zu. Hört sich nach Arbeit an, ist es auch, macht aber Spaß. Und je mehr Schleusen Ihr auf Eurer Tour habt, desto langsamer seid Ihr unterwegs. Deswegen Slow Travel. Mit dem Fahrrad seid Ihr schneller. Aber ganz ehrlich: Hausboot fahren auf den englischen Kanälen hat was.

Mich begeistert jedes Mal wieder aufs Neue die Hilfsbereitschaft der Engländer. Da kommen die Touris mit den Mietbooten an und manch einer steht leicht hilflos vor der ersten Schleuse. Irgendeiner hilft dann immer. Und wenn es schon geschulte Touris sind. Wir haben auch so einigen fremden Menschen geholfen und als Dank immer ein nettes Wort bekommen. Manchmal sind auch nur Paare unterwegs und die freuen sich dann über jede helfende Hand. Einmal hat uns ein dankbarer Engländer „lots of sunshine“ gewünscht, nachdem wir ihm bei der ein oder anderen Schleuse geholfen hatten. Und siehe da…es hörte tatsächlich auf zu regnen und die Sonne kam durch. So etwas bleibt in Erinnerung.

Für die einen ist’s das Ferienhaus, für die Engländer das Hausboot.

Wenn die Boote länger werden, kann ich Euch Walkie-Talkies empfehlen. Man muss sonst schon kräftig schreien, um sich verständlich zu machen. Und bevor es zu Mißverständnissen kommt, einfach ins Walkie-Talkie quatschen. Hilft ungemein.

Ok, Ihr müsst natürlich irgendwie erstmal die Marinas erreichen. Wir sind ein paar Mal von Bromsgrove abgefahren. Meine Family ist von Köln aus mit dem Auto nach England gefahren, während ich von München nach Birmingham geflogen bin. Dann ging es für mich weiter mit dem Zug und das letzte Stückchen dann mit dem Taxi. Wenn Ihr dann die Woche unterwegs seid, bleibt das Auto an der Marina stehen. Kleiner Tipp: leert Eure Koffer auf dem Boot aus und lasst sie dann im Auto. Für Koffer und Reisetaschen ist auf dem schmalen Boot kaum Platz.

Wir sind am liebsten mit den Booten von Black Prince (black-prince.com) gefahren. Wenn Ihr dort auf der Homepage nachschaut, dann findet Ihr die Marina in Bromsgrove unter Stoke Prior Base.

Wir sind dann – bevor es losging – mit dem Auto noch mal in den benachbarten Supermarkt gefahren. Die sind in England meistens echt riesig. Da gibt’s alles mögliche und manchmal sogar noch viel mehr. Meistens kann man dort sogar Kleidung und Schuhe kaufen. Ihr könnt aber natürlich auch unterwegs immer mal wieder irgendwo anlegen und die Vorräte auffüllen. Zum Thema anlegen: Ihr dürft nicht „wild campen“, also nicht anlegen, wo Ihr gerade wollt. Wenn Ihr Zivilisation haben wollt, dann solltet Ihr an den Mooring-Plätzen nicht allzu spät ankommen, weil die halt sonst schon belegt sind. Meistens findet Ihr die Plätze in der Nähe von kleinen Orten und vor Pubs.

Manchmal – wie in Birmingham – legt Ihr auch mitten in der Stadt an. Oder Ihr fahrt einmal quer durch Manchester. Das war schon ein wenig komisch. Die Leute sitzen im Café am Kanal und schauen uns bei der Arbeit zu. Ist mal was anderes.

Ihr braucht zum Fahren des Bootes keinen Bootsführerschein, aber es schadet nicht, die gängigen Knoten zu kennen. Damit Ihr sicher seid, dass Euer Boot auch immer fest vertäut ist. Ach ja, Ihr müsst mit den Stahlbooten nicht so vorsichtig sein wie mit den weißen Plastikbooten. Außer, Ihr kommt einem dieser weißen Boote in die Quere. Ich gebe es zu, die Narrowboats schauen nicht sehr modern und schnittig aus. Aber sie kommen trotzdem nicht aus der Mode. Beim letzten Mal haben wir gesehen, wie ein neues Boot zu Wasser gelassen wurde:

Schaut Euch nur mal die Natur an, durch die Ihr da schippert:

Ich komme aus dem Schwärmen gar nicht raus. Manchmal fährt man mit dem Boot auch über Brücken: Aquädukt. Mal sind sie kürzer und auch mal länger. Sie sind schon recht gut gesichert. Wenn auch mal auf einer Seite kein Geländer ist, dann ist aber die andere Seite ausreichend sicher.

Mit dem Boot braucht Ihr für diese Strecke rund um Birmingham auf dem Stourport Ring eine gute Woche; mit dem Auto wahrscheinlich nur eine Stunde. Aber das ist ja auch nicht Sinn der Sache. So eine Woche mit dem Hausboot ist Entschleunigung pur. Also Slow Travel…

  1. Das Herumschippern mit einem Boot ist sicher eine sehr schöne Erfahrung und wir haben diese Art von Urlaub auch schon mal in den Angriff nehmen wollen, allerdings hatten wir bislang nicht die Gelegenheit dazu. Mit Sicherheit werden wir dies einmal ausprobieren, mal sehen was unsere beiden Kids von dieser Idee halten.
    Seit einigen Jahren nämlich verbringen wir unseren Urlaub standardmäßig in einem Hotel in den Bergen (https://www.feldhof.com/), doch in naher Zukunft haben wir wieder Städtereisen und andere Arten von Urlaub geplant, schon alleine deshalb, um für ein wenig Abwechslung zu sorgen.

    Danke für den tollen Bericht und die Eindrücke!

    Tamara

    • Hallo Tamara! Das freut mich, dass Dir mein Bericht gefällt. Hausboot fahren ist schon cool und Eure Kids hätten bestimmt viel Spaß.

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